Interview mit Dr. Saskia Appelhoff, Gründerin von MeNotPause: Wechseljahre, Freundschaft und Einsamkeit

Dr. Silvan Hornstein

Psychologe & Wissenschaftler

5 min

Im Interview erzählt Dr. Saskia Appelhoff, Gründerin von MeNotPause, wie sich Freundschaften und Partnerschaften in den Wechseljahren verändern, warum Einsamkeit dabei so oft mitschwingt und was hilft, um in Verbindung zu bleiben.

Dr. Saskia Appelhoff, Gründerin von MeNotPause

Freundschaften verändern sich im Laufe des Lebens ohnehin, aber in den Wechseljahren scheint das noch einmal deutlicher zu werden. Was beobachtest du da? Verschiebt sich, was Frauen in dieser Phase von ihren Freundschaften brauchen?

Dr. Appelhoff: Ja, das beobachte ich tatsächlich. Die Wechseljahre fallen bei vielen Frauen in eine Lebensphase, in der ohnehin unglaublich viel gleichzeitig passiert: Kinder werden selbstständiger, Eltern brauchen vielleicht mehr Unterstützung, beruflich ist viel Verantwortung da und dann verändert sich auch noch der eigene Körper.

Viele Frauen merken in dieser Zeit sehr deutlich, was ihnen guttut und was nicht mehr. Das betrifft auch Freundschaften. Man hat vielleicht weniger Energie für Beziehungen, die hauptsächlich aus Verpflichtung bestehen, und gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach Nähe, Ehrlichkeit und Menschen, bei denen man sich nicht erklären oder zusammenreißen muss.

Ich würde deshalb gar nicht sagen, dass Frauen plötzlich weniger sozial sein wollen. Oft werden sie einfach klarer darin, welche Beziehungen ihnen wirklich etwas geben.

Begegnet dir das Thema Einsamkeit in deiner Arbeit? Berichten Frauen aus eurer Community davon, sich in dieser Zeit unverstanden oder allein zu fühlen?

Dr. Appelhoff: Ja, absolut. Und Einsamkeit bedeutet dabei nicht unbedingt, dass jemand keine Menschen um sich herum hat.

Viele Frauen haben Familie, einen Partner, Kolleginnen, Freundinnen und fühlen sich trotzdem mit dem, was gerade in ihnen passiert, sehr allein. Gerade wenn Symptome wie Erschöpfung, Schlafprobleme, Stimmungsschwankungen, Brain Fog oder Libidoverlust auftreten und man selbst zunächst gar nicht versteht, woher das kommt.

Wir hören häufig Sätze wie: „Ich erkenne mich selbst nicht wieder.“ Oder: „Niemand versteht, warum ich plötzlich nicht mehr so belastbar bin.“

Das ist einer der Gründe, warum Aufklärung so wichtig ist. Allein zu wissen, dass andere Frauen Ähnliches erleben, kann enorm entlastend sein. Aus „Was stimmt mit mir nicht?“ wird plötzlich „Ah, das kann tatsächlich mit dieser Lebensphase zusammenhängen.“

Wechseljahre und Einsamkeit haben gemeinsam, dass beide mancherorts noch als Tabuthemen gelten und es manchmal schwerfällt, darüber zu reden. Was denkst du, wie lassen sich solche Themen entstigmatisieren, und was hat dabei bei euch am besten funktioniert?

Dr. Appelhoff: Indem wir anfangen, ganz normal darüber zu sprechen.

Das klingt banal, ist aber aus meiner Erfahrung tatsächlich der wichtigste Schritt. Themen bleiben vor allem dann schambesetzt, wenn alle glauben, sie seien die Einzigen, denen es so geht.

Bei MeNotPause funktioniert deshalb besonders gut, Dinge sehr konkret zu benennen. Nicht abstrakt über „die Menopause“ zu sprechen, sondern über das, was Frauen tatsächlich erleben: plötzlich keine Lust mehr auf Menschen zu haben, nachts um drei wach zu liegen, sich im Job schlechter konzentrieren zu können, den eigenen Partner kaum auszuhalten oder sich im eigenen Körper fremd zu fühlen.

Sobald eine Frau sagt: „Das kenne ich“, passiert etwas. Es entsteht Verbindung.

Und ich glaube, genau das brauchen wir auch beim Thema Einsamkeit: weniger große Worte und mehr ehrliche Gespräche über die Momente, in denen wir uns ausgeschlossen, unverstanden oder allein fühlen.

Du baust mit MeNotPause eine große Community auf. Denkst du, solche Communities können auch dabei helfen, neue Beziehungen und Freundschaften aufzubauen?

Dr. Appelhoff: Auf jeden Fall. Der erste Schritt ist oft noch gar nicht die neue Freundschaft, sondern die Erkenntnis: Ich bin damit nicht allein.

Das erleben wir in unserer Community ständig. Eine Frau schreibt etwas über Schlafprobleme, Partnerschaft, Wut oder Ängste und plötzlich antworten sehr viele andere: „Bei mir genauso.“

Das schafft erst einmal Zugehörigkeit. Und daraus können natürlich auch echte Kontakte entstehen.

Trotzdem glaube ich, dass digitale Communities persönliche Beziehungen nicht ersetzen sollten. Sie können aber eine fantastische Brücke sein. Sie bringen Menschen zusammen, die ähnliche Erfahrungen machen und sich im normalen Alltag vielleicht nie begegnet wären.

Gibt es Beziehungen, die in den Wechseljahren aus deiner Erfahrung besonders gefährdet sind? Und falls ja, was kann man tuen um diese Beziehungen zu retten?

Dr. Appelhoff: Besonders häufig merken wir Spannungen in Partnerschaften. Das hat viele Gründe.

Wenn eine Frau plötzlich schlechter schläft, weniger Energie hat, schneller gereizt ist oder sich ihre Sexualität verändert, betrifft das natürlich auch den Menschen, mit dem sie zusammenlebt. Schwierig wird es vor allem dann, wenn beide Seiten nicht verstehen, was gerade passiert.

Dann wird aus einem Symptom schnell eine persönliche Interpretation: „Du hast keine Lust mehr auf mich.“ „Du bist ständig genervt.“ „Früher warst du anders.“

Deshalb halte ich Wissen auch in Beziehungen für unglaublich wichtig. Nicht jede Krise in dieser Lebensphase ist hormonell bedingt. Aber hormonelle Veränderungen können beeinflussen, wie wir schlafen, wie belastbar wir sind oder wie wir Sexualität erleben. Das zu verstehen, nimmt häufig schon sehr viel Druck heraus.

Und dann hilft das, was Beziehungen eigentlich immer hilft: miteinander sprechen, Bedürfnisse aussprechen und nicht erst warten, bis sich über Jahre Frust aufgebaut hat.

Gleichzeitig finde ich auch wichtig zu sagen: Nicht jede Beziehung muss um jeden Preis gerettet werden. Die Wechseljahre können auch eine Phase sein, in der Frauen sehr klar erkennen, welche Beziehungen ihnen guttun und welche schon lange nicht mehr funktionieren.


Was ist dein persönlicher Lieblingstipp, um Freundschaften zu pflegen und zu stärken?

Dr. Appelhoff: Nicht darauf warten, dass Freundschaft von allein passiert.

Gerade wenn alle viel arbeiten, Familien haben und tausend Dinge gleichzeitig organisieren, kann man sich erstaunlich schnell aus den Augen verlieren. Ich versuche deshalb, Begegnungen tatsächlich einzuplanen.

Ich glaube sehr an kleine Gesten. Eine Nachricht zwischendurch. Ein „Ich musste gerade an dich denken“. Ein Spaziergang statt des perfekten Abendessens, für das man sechs Wochen einen Termin sucht.

Freundschaften müssen nicht immer spektakulär gepflegt werden. Aber sie brauchen Aufmerksamkeit.

Gerade in dieser Lebensphase sind Menschen besonders wertvoll, bei denen man nicht funktionieren muss, sondern einfach sein kann.


Biographie:

Dr. Saskia Appelhoff ist Gründerin von MeNotPause, einer Plattform für Frauen in den Wechseljahren, und zertifizierte Wechseljahreberaterin. Mit MeNotPause verbindet sie fundierte Aufklärung, medizinische Expertise und Community und setzt sich dafür ein, dass Frauen ab 40 besser verstehen, was in ihrem Körper passiert und informierte Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen können.



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In akuten Krisen

platoniq ersetzt keine professionelle Hilfe. Wenn du dich in unmittelbarer Gefahr befindest, wähle den Notruf 112. In einer Krise oder einer schwierigen Lebenssituation wende dich an die Telefonseelsorge unter 116 123. Internationale Hilfsangebote findest du unter findahelpline.com.

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