Die Pandemie ist vorbei, aber das Gefühl bleibt: Warum Einsamkeit kein vorübergehendes Phänomen ist

Dachten wir nicht alle, dass die Einsamkeit verschwindet, sobald die Pandemie vorbei ist? Eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung mit 16.000 Teilnehmenden zeigt jetzt das Gegenteil: Das Gefühl der Isolation hat sich verfestigt. Wir ordnen die Ergebnisse ein und erklären, warum das kein Grund zur Verzweiflung ist, sondern ein Weckruf, soziale Gesundheit endlich ernst zu nehmen.

Porträtfoto von Silvan Hornstein, Psychologe und Autor, der über Themen rund um Psychologie, soziale Gesundheit und Einsamkeit schreibt.
Dr. Silvan Hornstein

Psychologe & Wissenschaftler

February 18, 2026
5 min read
Symbolbild aus der Pandemie-Zeit: Eine Person trägt einen Mund-Nasen-Schutz – eine visuelle Erinnerung an die Phase der sozialen Distanzierung, in der sich die heute noch messbare Einsamkeit für viele verfestigte.

Das große Missverständnis

Erinnerst du dich an die Hoffnung von 2021? Wir dachten: „Sobald die Masken fallen, die Bars öffnen und wir wieder ins Büro dürfen, wird alles wie früher.“ Wir hielten die Einsamkeit für eine temporäre Nebenwirkung der Krise.

Doch jetzt schreiben wir das Jahr 2026. Die Restaurants sind voll, die Terminkalender platzen aus allen Nähten – und trotzdem fühlen sich viele von uns innerlich isolierter denn je. Vielleicht kennst du dieses seltsame Gefühl: Du bist unter Menschen, lachst, redest – und fährst danach mit einer tiefen Leere nach Hause.

Ist das Einbildung? Nein. Eine brandneue wissenschaftliche Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) bestätigt jetzt schwarz auf weiß, was viele von uns spüren: Die Einsamkeit ist nicht gegangen. Sie hat sich verfestigt.

Wir haben die Ergebnisse der sogenannten FReDA-Studie für dich analysiert. Und sie liefern eine extrem wichtige Botschaft: Es liegt nicht an dir.

Was die 16.000 Stimmen uns sagen

Die Forschenden haben über Jahre hinweg rund 16.000 Menschen zwischen 18 und 50 Jahren begleitet. Der Blick auf die Daten ist ernüchternd, aber auch hilfreich:

  1. Das Drittel-Problem: Rund 33 % der Erwachsenen fühlen sich weiterhin einsam. Diese Zahl ist nach der Pandemie kaum gesunken. Einsamkeit ist also kein „Corona-Kater“, sondern ein dauerhafter Zustand in unserer Gesellschaft.
  2. Die emotionale Verlagerung: Während die akute, gemessene Einsamkeit leicht zurückging, stiegen depressive Symptome und Angstgefühle an. Das zeigt: Die mentale Belastung hat sich nicht aufgelöst, sie hat nur ihr Gesicht verändert.
  3. Es ist chronisch: Der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und psychischer Gesundheit blieb über die Jahre stabil. Wer sich einsam fühlt, trägt ein messbar höheres Risiko für mentale Erkrankungen – völlig unabhängig von äußeren Krisen.

Warum Beziehungen unser wichtigster Schutzschild sind

Besonders spannend ist der Blick auf die Lebensformen. Die Studie zeigt glasklar, dass unser Beziehungsstatus wie ein Puffer für unsere Seele wirkt.

Wer mit einer Partnerin oder einem Partner zusammenlebt, berichtete über deutlich weniger Belastungen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Singles (mit und ohne Kinder) tragen die größte mentale Last. Auch Frauen berichteten in der Studie häufiger über Einsamkeit und Ängste als Männer.

Das klingt erst einmal ungerecht. Aber aus psychologischer Sicht ist es logisch: Wir Menschen sind bindungsorientierte Wesen. Wenn der „automatische“ Austausch zu Hause wegfällt (das gemeinsame Abendessen, das kurze Gespräch im Flur), fehlt uns ein wichtiger Regulationsmechanismus für Stress.

Was bedeutet das für dich?

Diese Zahlen sollen dir keine Angst machen. Im Gegenteil: Sie sollen dich entlasten.

Wenn du dich einsam fühlst, obwohl du „eigentlich“ wieder rausgehen kannst, dann bist du nicht falsch. Du bist Teil eines strukturellen Phänomens.Die Studie beweist, dass Einsamkeit kein individuelles Versagen ist („Ich bin zu uncool“ oder „Ich strenge mich nicht genug an“), sondern eine reale Gesundheitsherausforderung für Millionen von Menschen.

Vom Ertragen zum Gestalten

Die wichtigste Erkenntnis aus der Studie ist für uns bei platoniq: Wir dürfen nicht warten, bis die Einsamkeit von allein geht. Sie tut es nicht.Wir müssen soziale Gesundheit (Social Health) genauso proaktiv behandeln wie unsere körperliche Fitness.

Was kannst du konkret tun?

  1. Validierung: Erlaube dir das Gefühl. Es ist okay, sich einsam zu fühlen, auch wenn man viele Bekannte hat. Einsamkeit ist ein Signal deines Körpers, dass dir Tiefe fehlt, nicht unbedingt Menge.
  2. Baue dein „Dorf“: Die Studie zeigt, dass Partnerschaft ein Schutzfaktor ist. Aber wenn du Single bist, bedeutet das nicht, dass du schutzlos bist. Enge Freundschaften können denselben Puffer-Effekt haben. Investiere bewusst in deine „gewählte Familie“.
  3. Qualität vor Quantität: Da depressive Symptome steigen, obwohl wir wieder unter Leuten sind, liegt die Lösung nicht in mehr Partys, sondern in echteren Begegnungen. Ein tiefes Gespräch, bei dem du dich verletzlich zeigst, wirkt stärker gegen Einsamkeit als zehn Abende in einer vollen Bar.

Fazit: Nimm deine soziale Gesundheit ernst

Einsamkeit ist das „neue Normal“ für ein Drittel der Gesellschaft. Das ist eine harte Realität. Aber es bedeutet auch: Du bist nicht allein mit diesem Gefühl.Es ist Zeit, Verbindungen nicht mehr dem Zufall zu überlassen, sondern sie als die wichtigste Ressource für deine mentale Gesundheit zu verstehen und zu pflegen.

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