Vom Smalltalk zum Deep Talk: Die 36 Fragen, die sofort Nähe schaffen
Wir alle sehnen uns nach echten Verbindungen. Nach Gesprächen, bei denen wir die Zeit vergessen und uns wirklich gesehen fühlen. Doch der Schritt vom sicheren Smalltalk zum sogenannten "Deep Talk" fühlt sich oft riesig an. Die gute Nachricht ist: Es gibt eine Abkürzung. Und die ist wissenschaftlich belegt. In diesem Artikel stellen wir dir das berühmte psychologische Experiment von Dr. Arthur Aron vor – und geben dir alle 36 Fragen an die Hand, mit denen du (ganz ohne Laborbedingungen) deine Freundschaften oder Partnerschaften auf ein neues Level heben kannst.
Dr. Silvan Hornstein
December 29, 2025
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5 min read
Das Experiment: Kann man Nähe "herstellen"?
Im Jahr 1997 wollte der Psychologe Dr. Arthur Aron herausfinden, wie Intimität zwischen zwei Menschen entsteht. Seine These: Nähe ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht durch geteilte Verletzlichkeit und schrittweise Selbstöffnung (Self-Disclosure).
Für sein Experiment brachte er einander völlig fremde Menschen paarweise in ein Labor. Die Aufgabe: Sie sollten sich gegenseitig 36 spezifische Fragen stellen.
Das Ergebnis war verblüffend: Die Paare fühlten sich einander nach nur 45 Minuten so nah, wie es sonst oft Jahre dauert. Ein Paar aus der Studie heiratete später sogar (was dem Experiment in der Presse den Titel "Die 36 Fragen zum Verlieben" einbrachte).
Für uns bei platoniq ist aber viel spannender: Diese Fragen funktionieren nicht nur für Romantik. Sie sind ein Werkzeug, um jede menschliche Beziehung zu vertiefen.
Die Anleitung: So nutzt du die Fragen
Es geht nicht darum, die Liste wie ein Verhör abzuarbeiten.
- Nimm dir Zeit: Mindestens 45 bis 60 Minuten.
- Abwechselnd: Eine Person liest die Frage vor, beide antworten darauf. Dann kommt die nächste Frage.
- Die Reihenfolge ist wichtig: Die Fragen sind in drei Sets unterteilt. Sie werden von Set zu Set intimer. Überspringe nicht den Anfang, er ist wichtig, um psychologische Sicherheit aufzubauen.
- Alles kann, nichts muss: Wenn dir eine Frage zu nah geht, darfst du passen.
Hier sind die kompletten 36 Fragen.
Set I: Das Kennenlernen
In dieser Phase tastet ihr euch ab. Die Fragen sind persönlich, aber noch nicht bedrohlich.
- Wenn du dich für eine beliebige Person auf der Welt entscheiden könntest: Wen hättest du gern als Gast zum Essen?
- Wärst du gern berühmt? Wenn ja, auf welche Weise?
- Hast du jemals vor einem Telefonat geprobt, was du sagen wirst? Warum?
- Was wäre für dich ein "perfekter" Tag?
- Wann hast du das letzte Mal vor dich hin gesungen? Und wann für jemand anderen?
- Wenn du 90 Jahre alt werden könntest und dich entscheiden müsstest: Hättest du für die letzten 60 Jahre lieber den Geist oder den Körper eines 30-Jährigen?
- Hast du eine geheime Vorahnung, wie du sterben wirst?
- Nenne drei Dinge, die du und dein Gegenüber scheinbar gemeinsam haben.
- Wofür in deinem Leben bist du am meisten dankbar?
- Wenn du eine Sache an der Art, wie du erzogen wurdest, ändern könntest – was wäre das?
- Erzähle deinem Gegenüber in vier Minuten deine Lebensgeschichte – aber so detailreich wie möglich.
- Wenn du morgen aufwachen könntest und eine neue Fähigkeit oder Eigenschaft hättest: Welche wäre das?
Set II: Werte & Einstellungen
Jetzt geht es tiefer. Wir verlassen den Smalltalk und sprechen darüber, was uns im Leben wirklich wichtig ist.
- Wenn eine Kristallkugel dir die Wahrheit über dich, dein Leben, die Zukunft oder irgendetwas anderes verraten könnte: Was würdest du wissen wollen?
- Gibt es etwas, wovon du schon lange träumst? Warum hast du es noch nicht getan?
- Was ist die größte Errungenschaft deines Lebens?
- Was ist dir in einer Freundschaft am wichtigsten?
- Was ist deine schönste Erinnerung?
- Was ist deine schrecklichste Erinnerung?
- Wenn du wüsstest, dass du in einem Jahr sterben wirst: Würdest du etwas an deiner jetzigen Lebensweise ändern? Warum?
- Was bedeutet Freundschaft für dich?
- Welche Rolle spielen Liebe und Zuneigung in deinem Leben?
- Nennt abwechselnd eine positive Eigenschaft des anderen. Macht das so lange, bis jeder fünf Eigenschaften genannt hat.
- Wie nah und herzlich sind die Beziehungen in deiner Familie? Hast du das Gefühl, dass deine Kindheit glücklicher war als die der meisten anderen?
- Wie beurteilst du die Beziehung zu deiner Mutter?
Set III: Echte Intimität
Hier entsteht die "Magie". Diese Fragen erfordern Mut, weil wir uns verletzlich zeigen. Aber genau das schafft Verbindung.
- Bilde drei Sätze mit "Wir". Zum Beispiel: "Wir sind beide in diesem Raum und fühlen uns..."
- Vervollständige diesen Satz: "Ich wünschte, ich hätte jemanden, mit dem ich ... teilen könnte."
- Wenn du mit deinem Gegenüber eine enge Freundschaft schließen würdest: Was müsste er oder sie unbedingt über dich wissen?
- Sage deinem Gegenüber, was du an ihm oder ihr magst. Sei dabei sehr ehrlich und sage Dinge, die du einer Person, die du gerade erst kennengelernt hast, normalerweise nicht sagen würdest.
- Erzähle deinem Gegenüber von einem peinlichen Moment in deinem Leben.
- Wann hast du das letzte Mal vor einer anderen Person geweint? Und wann allein?
- Erzähle deinem Gegenüber etwas, das du jetzt schon an ihm oder ihr magst.
- Worüber macht man keine Witze? (Was ist zu ernst dafür?)
- Wenn du heute Abend sterben würdest, ohne mit jemandem sprechen zu können: Was würdest du am meisten bereuen, nicht gesagt zu haben? Und warum hast du es dieser Person noch nicht gesagt?
- Dein Haus brennt. Du hast deine Liebsten und die Haustiere gerettet. Du hast noch Zeit, um einen einzigen Gegenstand zu holen. Welcher wäre das und warum?
- Von allen Menschen in deiner Familie: Wessen Tod würde dich am meisten treffen? Warum?
- Teile ein persönliches Problem und frage dein Gegenüber, wie er oder sie damit umgegangen wäre. Bitte dein Gegenüber außerdem, dir widerzuspiegeln, wie du dich seiner/ihrer Wahrnehmung nach bei dem Problem fühlst.
Fazit: Mut zur Tiefe
In einer digitalen Welt, in der wir oft nur die Highlights unseres Lebens teilen, ist echte Verletzlichkeit selten geworden. Doch genau sie ist der Klebstoff, der uns Menschen zusammenhält.
Vielleicht probierst du beim nächsten Treffen nicht gleich alle 36 Fragen aus. Aber schon eine einzige Frage aus Set II oder III kann ein Gespräch verändern. Statt zu fragen "Und, wie war die Arbeit?", frag doch mal: "Wofür bist du gerade am meisten dankbar?".
Du wirst überrascht sein, was passiert.